Sonntag, 3. Juli 2016

Buchreview "Die Gejagten" L. Child

Lee Child. Jack Reacher betritt die Basis seiner ehemaligen Einheit bei der Militärpolizei, und ahnt nicht, was ihm bevorsteht. Er ist nach Virginia gereist, um seine Nachfolgerin Major Susan Turner kennenzulernen. Doch wenig später wird ihm klar, dass es ein großer Fehler war, einen Fuß auf einen Militärstützpunkt zu setzen. Denn wie jeder ehemalige Soldat der USA ist Reacher Reservist. Prompt erhält er seinen Einberufungsbefehl - und wird außerdem des Mordes angeklagt und verhaftet. Reacher gelingt die Flucht aus dem Gefängnis, doch seine wichtigste Frage bleibt zunächst ungeklärt: Wer versucht ihn auf diese Weise kaltzustellen?

Jack Reacher erreicht nach einigen Wochen des Reisen von South Dakota nach Virginia den Stützpunkt, den er früher selbst als Kommandant geleitet hatte. Doch die Person, die er dort treffen will, ist nicht da. Verhaftet und im Bau. Und er selbst wird von ihrem Vertreter auf dieser Position sofort wieder in den Dienst der US-Streitkräfte gebunden. Der Grund dafür wird schnell offensichtlich - ihm wird ein Mord vorgeworfen, der auf einem 16 Jahre alten Fall basiert. Und als wäre das nicht genug, hängt man ihm noch eine zweite Sache an, die ihn fast vom Stuhl haut. Er wird nicht unter Arrest gestellt, sondern darf in einem schäbigen Motel ein Zimmer beziehen. Auf Ehrenwort, dass er nicht flieht. Kaum erscheint er dort, tauchen auch zwei Figuren auf, die wie Militärangehörige aussehen. Sie wollen ihn drängen, sofort die Stadt zu verlassen. Kann man mit einem x-bliebigen Typen versuchen, aber nicht mit Jack Reacher. Der donnert ihnen die Köpfe an das Fahrzeug, mit dem sie vorgefahren sind und hat vorerst Ruhe. Er will nun den Oberstleutnant Morgan zur Rede stellen, der statt Major Turner auf dem Platz des Kommandeurs sitzt. Vom Desk-Sergeant erfährt er, dass Turner im Knast sitzt und ihn angeblich nicht sprechen will. Doch da steckt mehr dahinter. Er bricht mit ihr aus und macht sich daran, all das zu klären, was ihnen da angelastet wird. Wer hat es auf ihn abgesehen und besonders: Wer will Turner loswerden? Bei ihrer Flucht werden sie bald von einem Polizisten erkannt, können dem aber entkommen. In der bewaldeten Gegend von Virginia sehen sie auf einem Hügel ein Feuer leuchten. Reacher sieht das als Gelegenheit an Geld und einen fahrbaren Untersatz zu kommen. Am Ort des Geschehens erklärt er, dass hier eine Meth-Küche war, der Drogenpanscher aber zu unvorsichtig und nun als Kotelett gut durch bei seinen kokelnden Drogen liegt. Sie greifen sich das Geld und einen schnittigen Schlitten und fahren weiter. Unbehelligt kommen sie nicht aus der Gegend. An einer Unfallstelle, die ihre Fahrt stoppt, erkennt einer der Männer den Wagen und sie wollen die beiden fremden Insassen zur Rückgabe zwingen. Nicht mit Reacher. Jetzt haben sie zwar immer noch den Wagen, sind aber der Lösung ihrer Probleme kein bisschen näher gekommen.

Der Vagabund lässt sich von einer Idee treiben, die er bei einem Telefonat entwickelt hat. Warum auch nicht? Reacher hat es weder eilig, noch ein festes Ziel. Er ist immer noch der Mann, den man als Nichtsesshaften mit Drang zur Bewegung sowie einem klaren Gerechtigkeitsempfinden beschreiben kann. Er handelt überlegt und mit einem riesigen Schatz an Wissen, das er kontrolliert und nicht spekulativ einsetzt. Jemand hat einmal mir gegenüber zu dem Killer Victor in den Romanen von Tom Wood geäußert, dieser Victor wäre mit seiner berechnenden und alles beobachtenden Art nur ein überschlauer Charakter und das wäre etwas zuviel des Guten, das dem Leser bei der Figur des Victor geboten wird. Tja, dann würde dem krittelnden Menschen auch der Reacher dieses Buches wenig zusagen. Der Mann, der alles weiß - ja, so kommt er hier rüber. Fehlerlos, makellos und allen anderen Personen geistig und körperlich meilenweit voraus. Nicht dass mich das hier allzu sehr stören würde, die Grenze zum eher unsympathischen Supermann, dem alles zufliegt wird hier meines Erachtens noch nicht überschritten. Zumindest nach meinem Maßstab. Doch es ist manchmal hart an der Grenze. Was jetzt die Spannung angeht, ist die gleichbleibend hoch, da Lee Child um die Hintergründe sehr, sehr lange einen weiten Bogen schlägt und kaum etwas zu früh in der Geschichte dem Leser präsentiert. Man kann im einen Fall lange nur Vermutungen anstellen, um was es dabei geht, dass man ihn und seine Nachfolgerin kaltstellen will. Und wer jetzt mäkelt, dass ich den zweiten Fall völlig außer Acht lasse - das ist Absicht. Die Sache um Turner und den uralten Mord reichen völlig. Was Action angeht, ist hier zwar keine völlige Fehlanzeige, aber die Bösewichter bekommen ab und an mal von Reacher dicke Backen verpasst, ein paar Rednecks werden an den Familiencodex erinnert und auf einer Reise Richtung Kalifornien im Flugzeug Beobachter sehr grob ausgeschaltet. Todesfälle werden nur im Off geschildert. Lee Child konzentriert sich hauptsächlich auf den Thrill, nicht auf krachende Action. Naja, und ein Spässle mit David Baldacci hat er sich erlaubt. Zudem ist Lee Child ja Brite und weiß somit auch, was im Fußball geschieht, aber seinen Detective Podolski hat er vermutlich doch ohne Blick auf den deutschen Nationalspieler kreiert. Und ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass so manche Szene oder mancher Dialog direkt für einen Film geschrieben wurde. Dialoge wie: "Vielen Dank." "Nein, ich danke IHNEN!" hört an immer wieder in Filmen, wenn es um die kleinen Helferlein geht, die den Protagonisten irgendwie unterstützen. Das Buch ist gut, ein typischer Reacher, ABER gemessen an seinen besten Leistungen ist dieser hier eben nur solide und ordentlich. Ja, ich meckere auf hohem Niveau, doch so ist es halt. Man wird immer an den eigenen herausragenden Leistungen gemessen und für eine vermeintlich schwächere kritisiert, selbst wenn diese noch um etliche Längen besser ist als das, was andere so verbrechen. Und die Fälle sind auch etwas banal meiner Meinung nach. Gerade der von mir hier nicht erwähnte löst sich dann auch genau so auf, wie von mir erwartet. Man erfährt wieder etwas mehr über den Mann Reacher und seine Vergangenheit und der deutsche Verlag hat ja ein Buch der Reihe ausgelassen, "um die Reise des Recher nicht zu unterbrechen", die in den beiden Vorgängern ja begann. Das in den USA schon länger erschienene Buch "The Affair" spielt nämlich 1997, also VOR der Zeit des ersten Buches um den Ex-Militä-Bullen, ist somit der eigentliche Start der Reihe. Erinnert an Vince Flynn, der die Vorgeschichte seines Mitch Rapp ja auch erst NACH einigen Abenteuern des erfahrenen Trouble-Shooters verfasste. "Die Gejagten" ist also eine gute und spannende Lektüre, die auch unterhält, aber nicht an die besten aus der Reihe herankommt. Dennoch für Reacher-Fans eine Pflichtanschaffung.

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