Freitag, 3. Juni 2016

Buchreview "Orphan X" G. Hurwitz

Gregg Hurwitz. 1. Gebot: Keine voreiligen Schlüsse. Seine Nachbarn halten Evan Smoak für einen harmlosen Verkäufer von Industriereinigern. Dabei ist er eine der tödlichsten und geheimsten Waffen der US-Regierung: ein Absolvent des Orphan-Programms, in dem Waisenkinder zu hocheffizienten Killern ausgebildet wurden. 4. Gebot: Es ist nie persönlich. Nach Jahren des Mordens im inoffiziellen Regierungsauftrag, ist Evan in den Untergrund gegangen. Er hilft nun den Verzweifelten, die mit ihren Problemen nicht zur Polizei gehen können - mit allen Fähigkeiten, die ihm zur Verfügung stehen. Dabei hält er sich strikt an seine eigenen Gebote. Doch diesmal bricht er eine der Regeln und sein Auftrag entwickelt sich zur Katastrophe. Nun muss er gegen ein Gebot nach dem anderen verstoßen, damit das allerwichtigste unangetastet bleibt: 
10. Gebot: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben

Evan Smoak war Killer der Regierung. Irgendwann ist er aus dem Programm, das Kinder zu legalen Mördern machte, ausgestiegen und hat sein eigenes Programm entwickelt. Er legt einigermaßen brauchbar getarnt in einem dieser High Rise-Gebäude, in dem die Wohnungen teuer, verschwiegen und verwinkelt sind und man sich dennoch mit einer Hauseigentümerversammlung und eben Mitbewohnern abplagen muss. Er kann dem so gut wie möglich aus dem Weg gehen, vermeidet ausufernde Kontakte, erweist sich als schlechter Gesprächspartner, da er nur einsilbige Antworten gibt, wenn überhaupt. Er hat ein System entwickelt, wem er wann zu Hilfe eilt. Hat er einer Person aus der Bredouille geholfen, bekommt diese eine Telefonnummer und soll die dann an jemanden weitergeben, der ebenso in Not geraten ist wie sie selbst. Eine Regel: Die Nummer darf nur einmal weitergegeben werden. Lange lief alles wunderbar, bis eines Tages innerhalb kürzester Zeit ZWEI Personen anrufen, die beide angeblich die Nummer von der Person haben, der Smoak zuvor das Leben vereinfacht hat. Und außerhalb des Jobs wird ihm nicht nur Druck vom Hausaverwalter wegen seine ständigen Abwesenheit bei diversen Eigentümerversammlungen gemacht, da kommt auch noch der achtjährige Peter mit seiner Mutter Mia regelrecht in sein Leben gestürmt. Und da Mia eine gestresste Anwältin und alleinerziehende Mutter ist, hat Evan bald mehr Kontakt zu den beiden Personen, die im selben Haus wohnen, als er sich je gewünscht hatte. Wäre ja alles nicht so gravierend, wenn sein nächster Job nicht höchste Gefahr bedeuten würde. Wieso zwei Anrufe? Was war mit den Schüssen auf seine neue Schutzbefohlene Katrin? Woher wussten die Angreifer, wo sie sind? Da kann er keinen kleinen Jungen gebrauchen, der ständig um ihn herumschwirrt und dabei womöglich in Gefahr gerät.

Vielleser und Serienhanseln dürften von der Handlung kaum überrascht werden. Unser aller Michael Madsen hat diese Art der Unterstützung, Dienst oder Service schon in einer Serie mit dem Titel "Rache nach Plan" angeboten. Und Bücher über Killer, die von ihrer Regierung enttäuscht wurden, weil sie plötzlich feststellen mussten, dass sie selbst ein Gewissen entwickeln und in ihrer Regierung dagegen der Großteil der Machthaber oder in der Befehlskette übergeordneten Personen ein solches vollkommen vermissen lassen und sich daher nun in Eigenregie dem Schutz bedürftiger Bürger widmen, hat es auch schon viele gegeben. Dennoch hat mich die Inhaltsangabe neugierig gemacht. Die festen Regeln des Mannes, seine Einsätze, vielleicht mal ein besonders ungewöhnlicher - erfährt man halt nur, wenn man es selbst liest. Eigentlich ist das Buch auch von Beginn an interessant gestaltet, der Autor weiß, wie man mit drehbuchartigen Satzkombinationen - also möglicht kurz und leicht verständlich - den Leser (und wohl bei Filmen gewisse Schauspieler) bei Laune hält und einige feine Cliffhanger einbaut. Die eine oder andere kleine Wendung und auch die Frage um Verrat oder Fehler generieren einen gewissen Spannungseffekt. Dazu etwas (Für Leser eines Stephen Hunter oder Ben Coes sowie Mark Greaney auf Solopfaden sehr milde) Action mit Blut, Blei und Schwert sowie der einen oder anderen minimalistischen Kampfsporteinlage peppen die Handlung und das Tempo auf. Und jetzt das ABER:

Es herrschen auch viele der bekannten Versatzstücke vor. Frau, alleinerziehend in gutem Job, mit einem Jungen, der sich nach einer Vaterfigur sehnt und ansonsten völlig verzogen ist. Wäre der bei mir so in der Wohnung rumgeturnt und hätte sie eingesaut, hätte ich ihn an die Hungerhilfe Afrika gespendet. Aber Evan findet bald Interesse an der kleinen Familie, was die selbstverständlich in Gefahr bringt, aus der er sie retten muss. Ist ja alles für einen Thriller im Bereich Mainstream nicht sooo schlecht, aber wenn dann die Gefälligkeitskommentare von Autorenkollegen Vergleiche mit Jack Reacher, Mitch Rapp oder Jason Bourne auf den Buchumschlag geknallt werden, dann ist das recht weit von der Wahrheit entfernt. Einzig in einem Punkt stimme ich Lee Child zu: Es ist das bisher beste Buch des Autors. Wer aber raue und knallharte Action mit Shoot-outs ohne Ende und vor allen Dingen auch ohne allzuviel Emotionspaketen will, der muss den hier nicht lesen. Ist ne kann Anschaffung, wenn man sich grad mal vor der Gartenarbeit oder sonstigen minimal aufwändigen Tätigkeiten drücken will. Kein Murks, aber auch kein Muss.

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